Warum Muttermilch für Dein Frühchen besonders wichtig ist
Wenn Dein Kind zu früh auf die Welt kommt, stehen erstmal Monitore, Kabel und Inkubator im Vordergrund. Stillen — das, was Du Dir vielleicht vorgestellt hattest — scheint plötzlich weit weg. Und trotzdem gibt es etwas, das Du Deinem Frühchen von Anfang an geben kannst, auch wenn es noch nicht an der Brust trinken kann: Deine Muttermilch. Sie ist für Frühgeborene nicht nur Nahrung, sondern eine Art Medizin.
Das Pumpstillen — also das regelmäßige Abpumpen von Muttermilch mit einer elektrischen Milchpumpe — ist der Weg, auf dem die meisten Frühchenmütter die Milchversorgung sicherstellen. Es ist anstrengend und emotional fordernd, aber es lohnt sich. Hier erfährst Du, wie Du das Abpumpen in Deinen Alltag auf der Neonatologie integrierst und wann der Übergang zum Stillen gelingen kann.
Schutz vor NEC und Infektionen
Frühgeborene haben ein unreifes Immunsystem und einen empfindlichen Darm. Besonders gefürchtet auf der Neonatologie ist die nekrotisierende Enterokolitis (NEC) — eine schwere Darmentzündung, die vor allem sehr kleine Frühchen treffen kann. Muttermilch enthält Antikörper, Enzyme und lebende Immunzellen, die den Darm Deines Kindes schützen. Laut einem aktuellen Cochrane Review von Quigley und Kollegen aus dem Jahr 2024 reduziert Muttermilch das NEC-Risiko um rund die Hälfte im Vergleich zu Formula-Nahrung.
Darüber hinaus senkt Muttermilch das Risiko für Krankenhausinfektionen (Sepsis). Das liegt an den über 200 bioaktiven Komponenten — von Immunglobulinen über Wachstumsfaktoren bis hin zu nützlichen Bakterien, die den Darm Deines Frühchens besiedeln. Die BZgA bezeichnet Kolostrum deshalb als eine Art „erste Impfung" für Neugeborene.
Vorteile für Lungenreifung und Entwicklung
Die Vorteile gehen über den Infektionsschutz hinaus. Muttermilch fördert die Reifung der Lunge, was gerade bei Frühgeborenen entscheidend ist, die häufig noch Atemunterstützung brauchen. Die in der Muttermilch enthaltenen langkettigen Fettsäuren — allen voran DHA (Docosahexaensäure) — unterstützen zudem die Gehirnentwicklung.
Auch die Verdauung profitiert: Muttermilch wird besser vertragen als industrielle Säuglingsnahrung und kann dazu beitragen, dass Dein Frühchen schneller mit dem enteralen Nahrungsaufbau (also der Ernährung über den Magen-Darm-Trakt statt über die Vene) vorankommt. Damit wird die Zeit an der Ernährungssonde oft verkürzt.
Kolostrum — flüssiges Gold von Anfang an
Warum jeder Tropfen zählt
In den ersten Stunden und Tagen nach der Geburt produziert Deine Brust Kolostrum — eine dickflüssige, gelbliche Vormilch, die hochkonzentriert an Abwehrstoffen ist. Die Mengen sind winzig: oft nur wenige Milliliter. Aber genau das ist bei Frühchen völlig normal und reicht aus, denn der Magen Deines Babys ist in den ersten Tagen selbst nicht größer als eine Kirsche.
Kolostrum enthält besonders viele Immunglobuline (Abwehr-Eiweiße), weiße Blutkörperchen und Wachstumsfaktoren. Die aktuelle AWMF-Leitlinie zur humanen Milch (2024) betont: Auch wenn Dein Frühchen noch nicht trinken kann, ist jeder Tropfen Kolostrum wertvoll — er kann dem Kind über eine Sonde oder als orale Pflege zugeführt werden.
Kolostrum von Hand gewinnen
In den ersten Stunden nach der Geburt ist die Handgewinnung (also das sanfte Ausstreichen der Brust mit den Fingern) oft effektiver als eine elektrische Pumpe. Das liegt daran, dass die Kolostrum-Mengen so gering sind, dass sie in den Schläuchen einer Pumpe verloren gehen können. Die AWMF-Leitlinie empfiehlt daher, Kolostrum zunächst per Hand in eine kleine Spritze oder ein Becher zu gewinnen.
Lass Dir diese Technik von einer Hebamme oder Stillberaterin auf der Station zeigen. Die Bewegung ist ein sanftes C-förmiges Greifen hinter der Brustwarze mit Daumen und Zeigefinger, gefolgt von rhythmischem Drücken und Loslassen. Viele Mütter empfinden die Handgewinnung als angenehmer und selbstbestimmter als das sofortige Anschließen an eine Pumpe.
Orale Pflege mit Kolostrum für Dein Frühchen
Auch wenn Dein Kind noch über eine Sonde ernährt wird oder noch gar keine Nahrung bekommt — Kolostrum kann trotzdem zum Einsatz kommen. Bei der sogenannten oralen Kolostrum-Pflege werden wenige Tropfen mit einem Wattestäbchen oder einer kleinen Spritze auf die Mundschleimhaut Deines Babys aufgetragen. Das ABM-Protokoll #12 empfiehlt diese orale Immuntherapie möglichst innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt.
Die Mundschleimhaut ist reich an Immunzellen und nimmt die Abwehrstoffe aus dem Kolostrum direkt auf. Es geht dabei nicht um Ernährung im klassischen Sinn, sondern um einen immunologischen Schutzschild für Dein Frühchen. Frag auf Eurer Neonatologie nach, ob diese Praxis dort umgesetzt wird — immer mehr Stationen bieten es an.
Wann mit dem Abpumpen beginnen?
Die ersten 6 Stunden nach der Geburt
Die AWMF-Leitlinie empfiehlt, innerhalb von sechs Stunden nach der Entbindung mit der Kolostrum-Gewinnung oder dem ersten Abpumpen zu starten — idealerweise sogar innerhalb der ersten ein bis zwei Stunden, wenn Dein Zustand es erlaubt.
Der Grund: Dein Prolaktinspiegel (das „Milchbildungshormon") ist direkt nach der Geburt besonders hoch. Wenn Du in diesem Zeitfenster die Brust stimulierst, signalisierst Du Deinem Körper, dass Milch gebraucht wird. Je früher die Stimulation beginnt, desto besser sind die Chancen auf eine ausreichende Milchmenge in den Wochen danach.
Nach Kaiserschnitt oder bei Komplikationen
Nach einem Kaiserschnitt, bei starkem Blutverlust oder wenn Du selbst auf der Intensivstation liegst, ist ein frühes Abpumpen nicht immer sofort möglich. Das ist kein Grund zur Panik. Dein Körper kennt kein „Jetzt oder nie". Auch wenn Du erst nach acht oder zwölf Stunden beginnen kannst, kann sich die Milchproduktion aufbauen.
Sprich mit dem Pflegeteam oder der Stillberaterin auf der Station. Oft kann zumindest eine sanfte Handgewinnung im Bett erfolgen, noch bevor Du aufstehen kannst. Sollte auch das nicht möglich sein, ist das in Ordnung. Wichtig ist, so früh wie möglich anzufangen — aber ohne Druck, der Dich zusätzlich belastet.
Wie oft und wie lange abpumpen? — Dein Pump-Fahrplan
8–12 Mal am Tag — warum so häufig?
Die Empfehlung klingt erstmal nach viel: acht- bis zwölfmal täglich abpumpen. Das entspricht etwa alle zwei bis drei Stunden — rund um die Uhr. Genau so oft würde ein reifes Neugeborenes an der Brust trinken. Die Pumpe übernimmt die Arbeit des Babys und gibt Deinem Körper das Signal: „Produziere Milch."
Eine Studie von Parker und Kollegen (2021) hat gezeigt, dass Mütter, die in den ersten zwei Wochen mindestens achtmal am Tag abgepumpt haben, am vierzehnten Tag nach der Geburt eine Milchmenge von über 500 Millilitern pro Tag erreichten. Die ersten 14 Tage sind das kritische Zeitfenster, in dem sich Dein Körper auf die langfristige Milchproduktion einstellt. Jede Pumpsitzung in dieser Phase ist eine Investition.
Doppelpumpe vs. Einzelpumpe
Auf der Neonatologie steht in der Regel eine Klinik-Milchpumpe (eine sogenannte Doppelpumpe) zur Verfügung. Für Zuhause verordnet Dein Arzt oder Deine Hebamme häufig ebenfalls eine elektrische Doppelpumpe auf Rezept. Der Vorteil: Du pumpst beide Brüste gleichzeitig, was die Zeit halbiert.
Aber es gibt noch einen zweiten Effekt. Gleichzeitiges beidseitiges Pumpen steigert die Prolaktinausschüttung um etwa 20 Prozent im Vergleich zu einseitigem Pumpen — das zeigen Daten von Parker et al. (2021). Mehr Prolaktin bedeutet mehr Milch.
Wie lange dauert ein Pumpvorgang?
Ein einzelner Pumpvorgang sollte etwa 15 bis 20 Minuten dauern. Es ist wichtig, die volle Zeit durchzuhalten, auch wenn schon nach wenigen Minuten kaum noch Milch fließt. Der Grund: Durch die fortgesetzte Stimulation signalisierst Du Deiner Brust, dass mehr Milch gebraucht wird. Ein oder zwei Milchspenderreflexe (also das plötzliche Einschießen der Milch) sind pro Sitzung normal, manchmal gibt es einen dritten gegen Ende.
Wenn nach 20 Minuten nichts mehr kommt, ist das völlig in Ordnung — dann ist die Brust ausreichend stimuliert. Länger als 30 Minuten zu pumpen bringt keinen zusätzlichen Nutzen und kann die Brustwarzen strapazieren.
Nachts abpumpen — ja, wirklich
Das nächtliche Abpumpen ist wahrscheinlich der härteste Teil des Pumpstillens. Aber er ist leider auch der wichtigste. Zwischen zwei und fünf Uhr morgens ist Dein Prolaktinspiegel am höchsten. Eine Pumpsitzung in dieser Zeit ist besonders wirksam für den Aufbau der Milchproduktion.
Wie Du das organisierst, hängt von Eurer Situation ab. Ein Wecker, ein bereitstehendes Pumpset und gedimmtes Licht helfen, den nächtlichen Aufwand gering zu halten. Eine längere Nachtpause von fünf bis sechs Stunden ist ab und zu vertretbar — aber in den ersten zwei Wochen sollte es nicht zur Gewohnheit werden.
Milchmenge steigern — bewährte Strategien
Nicht jede Mutter hat von Anfang an genug Milch. Das ist bei Frühgeburten häufig, weil der Körper durch die Geburtssituation — Stress, Medikamente, räumliche Trennung vom Kind — herausgefordert ist. Die gute Nachricht: Es gibt bewährte Methoden, um die Milchproduktion anzuregen.
Power Pumping
Power Pumping ist eine Technik, die das sogenannte Clusterfeeding nachahmt — also das häufige, kurze Trinken, das Babys abends an der Brust zeigen, um die Milchproduktion anzukurbeln. Das ABM-Protokoll #10 beschreibt das Vorgehen so: 20 Minuten pumpen, 10 Minuten Pause, 10 Minuten pumpen, 10 Minuten Pause, 10 Minuten pumpen. Insgesamt also eine Stunde, in der Du dreimal pumpst.
Power Pumping ersetzt eine Deiner regulären Pumpsitzungen — am besten einmal täglich, zum Beispiel abends. Der Effekt zeigt sich nach zwei bis drei Tagen konsequenter Anwendung. Es ist anstrengend, aber viele Mütter berichten, dass es die effektivste Methode war, wenn die Milchmenge stagnierte.
Hautkontakt und Känguruhen
Eines der wirksamsten „Medikamente" für Deine Milchproduktion liegt direkt vor Dir: Dein Kind. Känguruhen — also den Haut-zu-Haut-Kontakt mit Deinem Frühchen auf Deiner Brust — steigert Deinen Prolaktinspiegel messbar. Die WHO empfiehlt in ihren Leitlinien von 2022, Känguruhen so früh und so oft wie möglich durchzuführen, idealerweise mehrere Stunden am Tag.
Eine große Meta-Analyse von Boundy und Kollegen (2016) hat gezeigt, dass Mütter, die regelmäßig Känguruhen, signifikant öfter und länger stillen. Der Hautkontakt wirkt auf mehreren Ebenen: Er senkt den Cortisolspiegel (Stresshormon), erhöht Oxytocin und Prolaktin (Milchbildungshormone) und stärkt Deine emotionale Bindung zum Kind. All das hilft der Milchproduktion.
Auch wenn Dein Frühchen noch sehr klein oder instabil ist, frag beim Pflegeteam nach, ob und wann Känguruhen möglich ist. Viele Neonatologien, besonders solche, die nach dem NIDCAP-Pflegekonzept arbeiten, unterstützen den frühen Hautkontakt aktiv.
Ernährung, Trinken und Schlaf
Dein Körper braucht Energie, um Milch zu produzieren — etwa 500 Kilokalorien zusätzlich am Tag. Iss regelmäßig und ausgewogen. Bestimmte Lebensmittel wie Hafer, Fenchel oder Malzbier gelten traditionell als milchfördernd — wissenschaftlich gesichert ist das nur teilweise, aber schaden tut es nicht.
Mindestens genauso wichtig: Trinke ausreichend, mindestens zwei bis drei Liter am Tag. Stelle Dir eine Wasserflasche direkt neben das Pumpset, damit Du automatisch daran denkst. Und dann ist da noch der Schlaf — chronischer Schlafmangel bremst die Milchproduktion. Versuch, Dir Ruhephasen aktiv einzuplanen, auch wenn es nur kurze Nickerchen sind.
Wann reicht meine Milch (noch) nicht?
Es gibt Situationen, in denen die Milchmenge trotz aller Bemühungen nicht ausreicht. Das kann medizinische Gründe haben — etwa bei Schilddrüsenerkrankungen oder nach starkem Blutverlust. Es kann aber auch daran liegen, dass der Körper einfach Zeit braucht. Stress und die emotionale Belastung einer Frühgeburt sind keine Kleinigkeit.
Wenn Dein Frühchen mehr Milch braucht, als Du gerade produzierst, wird auf der Neonatologie Spendermilch (pasteurisierte Muttermilch aus einer Muttermilch-Bank) oder spezielle Frühgeborenennahrung zugefüttert. Das ist kein Versagen — es ist eine medizinische Entscheidung, die sicherstellt, dass Dein Kind gut versorgt ist. Deine eigene Milch bleibt weiterhin wertvoll, auch in kleinen Mengen.
Milch richtig aufbewahren und auf die Neo bringen
Aufbewahrungsfristen
Frisch abgepumpte Muttermilch ist ein empfindliches Lebensmittel — aber kein rohes Ei. Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt folgende Orientierungswerte: Bei Raumtemperatur (bis 25 °C) ist frisch abgepumpte Milch vier bis sechs Stunden haltbar. Im Kühlschrank bei 4 °C hält sie bis zu 72 Stunden. Im Gefrierschrank bei minus 18 °C kannst Du sie bis zu sechs Monate lagern.
Wichtig zu wissen: Auf der Neonatologie gelten oft strengere Hygienevorschriften als zu Hause. Die Station hat eigene Protokolle für die Annahme und Lagerung von Muttermilch. Frag frühzeitig nach den konkreten Vorgaben Eurer Station — manche akzeptieren beispielsweise keine aufgetaute und wieder gekühlte Milch.
Transport und Hygiene
Wenn Du zu Hause abpumpst und die Milch auf die Neonatologie bringst, ist eine lückenlose Kühlkette wichtig. Transportiere die Milch in einer Kühltasche mit Kühlakkus. Beschrifte jede Flasche oder jeden Beutel mit dem Namen Deines Kindes, dem Datum und der Uhrzeit des Abpumpens — die Station benötigt diese Angaben.
Zum Abpumpen selbst gilt: Hände gründlich waschen, Pumpset nach jedem Gebrauch reinigen und mindestens einmal täglich sterilisieren. Das wird schnell zur Routine. Die AWMF-Leitlinie betont, dass gute Hygiene beim Abpumpen einer der wichtigsten Faktoren für die Sicherheit der Milch auf der Neonatologie ist.
Von der Pumpe zur Brust — der Übergang zum Stillen
Das Ziel vieler Frühchenmütter ist es, irgendwann nicht mehr an der Pumpe zu hängen, sondern ihr Kind direkt an der Brust zu stillen. Dieser Übergang ist aber kein Schalter, den man umlegt, sondern ein schrittweiser Prozess, der sich an der Reife Deines Kindes orientiert.
Non-nutritive Suckling — Saugen üben an der Brust
Bevor Dein Frühchen wirklich Milch an der Brust trinken kann, kommt oft eine Übungsphase: das sogenannte Non-nutritive Suckling (NNS), also nicht-nährendes Saugen. Dabei darf Dein Kind an der „leergepumpten" Brust nuckeln, ohne dass es dabei um Nahrungsaufnahme geht. Das ABM-Protokoll #12 empfiehlt NNS als wichtigen Zwischenschritt, der die Mundmotorik trainiert und Deinem Kind hilft, Saugen, Schlucken und Atmen zu koordinieren.
NNS hat noch einen weiteren Vorteil: Frühchen, die unangenehme orale Erfahrungen gemacht haben — etwa durch Intubation oder Absaugen — können die Brust so als sicheren, angenehmen Ort kennenlernen.
Brusternährungsset und Stillhütchen
Zwei Hilfsmittel, die im Übergang von der Pumpe zur Brust häufig zum Einsatz kommen, sind das Brusternährungsset (auch Supplemental Nursing System, kurz SNS) und Stillhütchen. Beim Brusternährungsset wird ein dünner Schlauch an der Brust befestigt, durch den dem Kind beim Saugen zusätzlich Milch zufließt. So bekommt Dein Frühchen genug Nahrung, während es gleichzeitig an der Brust saugen übt. Das ABM-Protokoll #10 empfiehlt diese Methode ausdrücklich als Alternative zur Flaschenzufütterung.
Stillhütchen (dünne Silikonaufsätze für die Brustwarze) können Frühchen helfen, die Schwierigkeiten haben, die Brustwarze richtig zu fassen. Sie sind als Übergangslösung gedacht — nicht als Dauerlösung. Besprich mit Eurer Stillberaterin, wann der richtige Zeitpunkt ist, sie wegzulassen, um Stillkomplikationen vorzubeugen.
Woran erkenne ich, dass mein Frühchen bereit ist?
Die Fähigkeit, an der Brust zu trinken, entwickelt sich etwa ab der 32. bis 34. Schwangerschaftswoche — aber jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Zeichen, dass Dein Frühchen bereit sein könnte: Es zeigt Suchbewegungen, kann wach und aufmerksam sein und zeigt koordiniertes Saugen beim NNS.
Der Übergang verläuft schrittweise: erst einzelne Stillversuche zusätzlich zum Sondieren, dann immer mehr Mahlzeiten an der Brust, bis die Sonde nicht mehr gebraucht wird. Dieser Prozess kann Tage oder Wochen dauern. Das Pflegeteam und die Stillberatung begleiten Euch dabei.
Wenn die Seele mitpumpt — emotionale Belastung
Pumpstillen ist nicht nur körperlich fordernd. Du pumpst für ein Kind, das Du vielleicht noch nicht einmal halten darfst. Du misst Milliliter, während andere Mütter einfach anlegen. Und manchmal kommt trotz allem zu wenig.
Schuldgefühle loslassen
Viele Frühchenmütter kennen das Gefühl: „Wenn ich nur genug Milch hätte, wäre alles besser." Dieses Schuldgefühl ist verständlich, aber nicht fair — nicht Dir selbst gegenüber. Dein Körper hat gerade eine Frühgeburt hinter sich, Dein Stresssystem läuft auf Hochtouren und Du befindest Dich in einer Ausnahmesituation.
Die Forscherin Diane Spatz, eine der führenden Expertinnen für Muttermilchversorgung auf Neonatologien, betont: Schuldgefühle und Versagensgefühle beim Pumpstillen sind häufig und müssen offen angesprochen werden. Kein Milliliter entscheidet über Eure Bindung. Dein Kind spürt Deine Nähe, Deine Stimme und Deine Hände — das ist mindestens so viel wert wie der Inhalt einer Milchflasche.
Wo Du Unterstützung findest
Du musst das nicht alleine durchstehen. Auf den meisten Neonatologien gibt es Stillberaterinnen (IBCLC-zertifiziert), die speziell für die Beratung von Frühchenmüttern ausgebildet sind. Nutze dieses Angebot — auch wenn Du denkst, Deine Fragen seien „zu banal". Keine Frage ist zu banal, wenn es um Dein Kind geht.
Auch außerhalb der Klinik gibt es Hilfe: Stillgruppen, Frühchen-Selbsthilfegruppen und Online-Foren können ein wertvolles Netz sein. Wenn Du merkst, dass die Belastung über das normale Maß hinausgeht — anhaltende Traurigkeit, Antriebslosigkeit oder das Gefühl, Dich von Deinem Kind abzuschneiden — sprich das an. Es kann ein Zeichen für eine postnatale Depression sein, die bei Frühchenmüttern häufiger vorkommt und gut behandelbar ist.
Häufige Fragen zum Pumpstillen bei Frühchen
Wie viel Milch ist „genug"?
In den ersten Tagen sind wenige Milliliter Kolostrum völlig ausreichend. Bis Tag 10 bis 14 pendelt sich die Milchmenge bei den meisten Müttern auf etwa 500 bis 700 Milliliter pro Tag ein, wenn regelmäßig abgepumpt wird. Die genaue Menge, die Dein Frühchen braucht, hängt von Gewicht und Reifegrad ab und wird vom ärztlichen Team berechnet. Auch wenn Du weniger produzierst als Dein Kind trinkt: Jede Menge zählt.
Brauche ich zu Hause eine Milchpumpe auf Rezept?
Ja, in der Regel verordnet Dein Frauenarzt oder Deine Hebamme eine elektrische Milchpumpe auf Kassenrezept, wenn Dein Kind auf der Neonatologie liegt und nicht gestillt werden kann. Frag frühzeitig danach, idealerweise schon auf der Wochenbettstation. Die Pumpe wird dann von einem Sanitätshaus oder einer Apotheke als Leihgerät bereitgestellt.
Kann ich nach Wochen des Abpumpens noch auf Stillen umstellen?
Ja, das ist möglich und gelingt vielen Frühchenmüttern. Der Übergang braucht Geduld und schrittweises Vorgehen — von NNS über Teilstillmahlzeiten bis hin zum vollständigen Stillen. Manche Kinder schaffen den Übergang innerhalb weniger Tage, andere brauchen Wochen. Professionelle Stillberatung ist in dieser Phase besonders hilfreich.
Wie funktioniert das Muttermilch abpumpen bei Zwillingen?
Wenn Du Zwillinge hast, gilt im Prinzip dasselbe — nur mit doppeltem Bedarf. Die Milchproduktion richtet sich nach der Stimulation: Wenn Du häufig und beidseitig pumpst, stellt sich Dein Körper auf die höhere Nachfrage ein. Viele Zwillingsmütter produzieren tatsächlich genug Milch für beide Kinder. Eine Doppelpumpe ist hier praktisch unverzichtbar, und ein strukturierter Pumpplan hilft, den Überblick zu behalten.
Was ist, wenn ich gar nicht stillen kann oder möchte?
Dann ist das eine Entscheidung, die Dir niemand vorwerfen darf. Nicht jede Mutter kann oder möchte Muttermilch geben — aus körperlichen, psychischen oder persönlichen Gründen. Auf der Neonatologie wird Dein Kind in diesem Fall mit Spendermilch oder spezieller Frühgeborenennahrung versorgt und gut ernährt. Deine Beziehung zu Deinem Kind wird nicht durch eine Milchpumpe definiert.
Wie unterscheidet sich Pumpstillen von der Ernährung über eine PEG?
Das Pumpstillen bezeichnet die Gewinnung der Milch durch Abpumpen — es geht darum, wie die Milch produziert wird. Eine PEG (perkutane endoskopische Gastrostomie) ist ein Zugangsweg für die Nahrung direkt in den Magen bei langfristigen Ernährungsschwierigkeiten. Abgepumpte Muttermilch kann sowohl über eine Magensonde als auch über eine PEG gegeben werden.
Wenn Dein Kind eine Neugeborenengelbsucht entwickelt, ist häufiges Füttern mit Muttermilch besonders empfehlenswert — lies dazu auch unseren Artikel über Stillen bei Neugeborenengelbsucht.
Dieser Artikel wurde mit größter Sorgfalt auf Grundlage aktueller Leitlinien und Studien erstellt. Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung oder Stillberatung. Besprich Fragen zur Ernährung Deines Frühchens immer mit dem behandelnden Team auf Eurer Neonatologie.