Die Augen Deines Frühchens sind während der Schwangerschaft eines der letzten Organe, die vollständig ausreifen. Wenn Dein Kind deutlich zu früh auf die Welt kommt, kann die Entwicklung der Netzhaut (Retina) gestört werden — man spricht dann von einer Frühgeborenen-Retinopathie, kurz ROP (Retinopathy of Prematurity). Das klingt bedrohlich, und das Wort „Retinopathie" macht Angst. Aber: Die allermeisten Fälle sind mild und bilden sich von selbst zurück. Und selbst schwerere Verläufe lassen sich heute gut behandeln, wenn sie rechtzeitig erkannt werden.
Was ist eine Frühgeborenen-Retinopathie?
Die Retinopathie der Frühgeborenen ist eine Erkrankung der Netzhaut, die ausschließlich bei Frühchen auftritt. Die Netzhaut ist die lichtempfindliche Schicht im Auge, die visuelle Signale an das Gehirn weiterleitet. Ihre Blutgefäße wachsen während der Schwangerschaft von der Mitte der Netzhaut nach außen — ein Prozess, der erst gegen Ende der Schwangerschaft (etwa 36. bis 40. SSW) abgeschlossen ist.
Wenn Dein Kind zu früh geboren wird, ist dieses Gefäßwachstum noch nicht fertig. Außerhalb der geschützten Umgebung des Mutterleibs — besonders unter dem Einfluss von Sauerstoff, den Frühchen häufig zur Atemunterstützung brauchen — kann das Wachstum der Blutgefäße gestört werden. Die Gefäße wachsen unkontrolliert und in die falsche Richtung: statt flach auf der Netzhaut in den Glaskörper des Auges hinein. In schweren Fällen kann die Netzhaut durch Zugkräfte dieser fehlgeleiteten Gefäße abgehoben (abgelöst) werden — und das gefährdet die Sehfähigkeit.
Wer ist betroffen?
Das Risiko für eine ROP hängt vor allem von zwei Faktoren ab: dem Gestationsalter (je unreifer, desto höher das Risiko) und dem Geburtsgewicht. Besonders gefährdet sind:
Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren werden. Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm. Kinder, die längere Zeit zusätzlichen Sauerstoff oder Beatmung brauchten.
Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle — Infektionen, Bluttransfusionen, Schwankungen der Sauerstoffsättigung und ein allgemein instabiler Gesundheitszustand können das Risiko erhöhen. Bei extrem unreifen Frühchen (unter der 28. SSW) tritt eine ROP in irgendeiner Form bei bis zu 70 Prozent auf — allerdings sind die meisten Fälle mild.
Stadien der ROP — die ICROP-Klassifikation
Die Schwere einer ROP wird nach der internationalen ICROP-Klassifikation (International Classification of Retinopathy of Prematurity) in Stadien und Zonen eingeteilt. Das hilft dem Augenarzt, den Verlauf einzuschätzen und zu entscheiden, ob eine Behandlung nötig ist.
Stadium 1 — Demarkationslinie: An der Grenze zwischen dem bereits mit Gefäßen versorgten und dem noch gefäßlosen Teil der Netzhaut bildet sich eine dünne, weiße Linie. Das ist die mildeste Form. Die meisten Fälle bilden sich in diesem Stadium spontan zurück.
Stadium 2 — Leiste: Die Demarkationslinie verbreitert sich zu einer erhabenen Leiste. Auch in diesem Stadium bildet sich die ROP häufig noch von selbst zurück.
Stadium 3 — Leiste mit Gefäßwucherung: Auf der Leiste wachsen neue, abnorme Blutgefäße in den Glaskörper des Auges hinein (extraretinale Proliferation). Ab diesem Stadium wird in vielen Fällen eine Behandlung nötig, besonders wenn zusätzliche Risikofaktoren vorliegen.
Stadium 4 — Teilweise Netzhautablösung: Die wuchernden Gefäße ziehen an der Netzhaut und beginnen, sie abzulösen — entweder unter Einschluss der Makula (4B, der Bereich des schärfsten Sehens) oder ohne (4A).
Stadium 5 — Vollständige Netzhautablösung: Die Netzhaut hat sich komplett abgelöst. Dieses Stadium ist heute dank der Früherkennungsprogramme sehr selten geworden.
Zusätzlich beschreibt die Klassifikation die Zone (wie weit vom Zentrum entfernt die ROP auftritt — Zone 1 ist am gefährlichsten) und ob eine Plus-Disease vorliegt (erweiterte und geschlängelte Gefäße am hinteren Augenpol, ein Zeichen für einen aggressiveren Verlauf).
Screening — die Augenuntersuchung
Gerade weil sich eine ROP im Frühstadium nicht bemerkbar macht — Dein Kind zeigt keine Symptome — ist ein regelmäßiges Screening unverzichtbar. In Deutschland ist die augenärztliche Untersuchung für Frühgeborene in den aktuellen Leitlinien fest verankert.
Wer wird untersucht? Alle Frühgeborenen mit einem Gestationsalter unter 32 Wochen oder einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm. Bei Kindern über 32 SSW mit Risikofaktoren (z. B. längere Sauerstofftherapie) kann der Kinderarzt ebenfalls ein Screening veranlassen.
Wann beginnt das Screening? Die erste Untersuchung findet in der Regel in der 6. Lebenswoche statt — bei sehr unreifen Frühchen (unter 27 SSW) bereits ab der 31. postmenstruellen Woche.
Wie läuft die Untersuchung ab? Der Augenarzt erweitert die Pupillen Deines Kindes mit Augentropfen und untersucht den Augenhintergrund mit einem speziellen Gerät (indirektes Ophthalmoskop) oder einer digitalen Funduskamera. Die Untersuchung dauert nur wenige Minuten, ist aber für Dein Kind unangenehm — es wird hell und die Augen werden offengehalten. Du kannst vorher und nachher mit Kuscheln und Schnuller trösten.
Wie oft wird untersucht? Je nach Befund alle ein bis zwei Wochen, bis die Netzhaut vollständig ausgereift ist oder sich der Befund stabilisiert hat.
Behandlung
Nicht jede ROP muss behandelt werden. Die Stadien 1 und 2 bilden sich in den meisten Fällen spontan zurück, wenn die Netzhautgefäße weiter ausreifen. Der Augenarzt beobachtet den Verlauf engmaschig.
Wenn eine Behandlung nötig wird — in der Regel ab Stadium 3 mit Plus-Disease oder bei einer ROP in Zone 1 — stehen zwei Verfahren zur Verfügung:
Laserkoagulation: Das klassische Verfahren. Mit einem Laser werden die gefäßlosen Bereiche der Netzhaut verödet. Dadurch wird der Wachstumsreiz für die fehlgeleiteten Gefäße unterbunden. Die Behandlung wird in der Regel unter Narkose oder tiefer Sedierung durchgeführt und ist sehr wirkungsvoll.
Anti-VEGF-Injektion: Ein neueres Verfahren, bei dem ein Medikament direkt in den Glaskörper des Auges gespritzt wird. Dieses Medikament (ein Anti-VEGF-Antikörper) hemmt den Wachstumsfaktor, der für die unkontrollierte Gefäßneubildung verantwortlich ist. Der Vorteil: Die Netzhaut kann danach noch nachreifen und Gefäße normal ausbilden. Der Nachteil: Es sind längere Nachkontrollen nötig, weil die ROP in seltenen Fällen nach Wochen bis Monaten wieder aufflammen kann (Rebound).
Welches Verfahren für Dein Kind das richtige ist, entscheidet der Augenarzt individuell — abhängig von der Zone, dem Stadium und dem Gesamtzustand. In manchen Fällen wird auch eine Kombination beider Verfahren eingesetzt.
Bei den seltenen Stadien 4 und 5 kann eine operative Behandlung (vitreoretinale Chirurgie) nötig werden, um die abgelöste Netzhaut wieder anzulegen.
Was können Eltern tun?
Die ROP-Screenings und eine eventuelle Behandlung liegen in den Händen des Ärzteteams. Aber Du kannst Dein Kind unterstützen:
Termine einhalten: Die Augenuntersuchungen finden in genau festgelegten Abständen statt. Halte diese Termine unbedingt ein — auch nach der Entlassung, wenn die ambulanten Kontrollen weitergehen. Eine verspätete Untersuchung kann dazu führen, dass der Zeitpunkt für eine wirksame Behandlung verpasst wird.
Fragen stellen: Lass Dir den Befund nach jeder Untersuchung erklären: Welches Stadium? Welche Zone? Gibt es eine Plus-Disease? Muss etwas getan werden, oder wird weiter beobachtet? Je besser Du den Befund verstehst, desto ruhiger kannst Du mit der Situation umgehen.
Trösten: Die Augenuntersuchung ist für Dein Kind stressig. Danach braucht es Nähe, Ruhe und vielleicht etwas Zuckerlösung auf dem Schnuller als Schmerzlinderung (das wird auf vielen Stationen standardmäßig angeboten).
Langzeitfolgen und Nachsorge
Die Prognose hängt stark vom Stadium ab:
Bei den Stadien 1 und 2, die sich spontan zurückbilden, sind bleibende Sehschäden sehr selten. Trotzdem kann eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit für Kurzsichtigkeit (Myopie) oder Schielen bestehen — regelmäßige augenärztliche Kontrollen im Kindesalter sind deshalb wichtig.
Bei Stadium 3 mit erfolgreicher Behandlung ist die Prognose in den meisten Fällen gut. Die Sehfähigkeit kann eingeschränkt sein, aber eine Erblindung wird durch rechtzeitige Therapie fast immer verhindert.
Die Stadien 4 und 5 können trotz Behandlung zu erheblichen Sehbehinderungen führen — sie sind aber dank der heutigen Vorsorgeprogramme selten.
Für alle Frühchen, bei denen eine ROP diagnostiziert wurde, gilt: regelmäßige augenärztliche Nachsorge, mindestens bis zum Schulalter. Auch wenn die ROP vollständig abgeheilt ist, können im Wachstum noch Brechungsfehler oder Schielen auftreten, die früh korrigiert werden sollten.
Häufige Fragen
Wird mein Kind durch die ROP blind?
In den allermeisten Fällen nicht. Die schweren Stadien, die zur Erblindung führen können, sind dank der Früherkennungsprogramme und modernen Behandlung heute extrem selten. Die übergroße Mehrheit der betroffenen Kinder sieht nach abgeschlossener Behandlung gut oder akzeptabel.
Wie lange dauern die Augenkontrollen?
Die Screening-Untersuchungen laufen, bis die Netzhaut vollständig ausgereift ist — das kann mehrere Wochen dauern. Danach folgen regelmäßige augenärztliche Kontrollen im ersten Lebensjahr und darüber hinaus, um Folgen wie Kurzsichtigkeit oder Schielen frühzeitig zu erkennen.
Kann ich die ROP verhindern?
Als Elternteil kannst Du die ROP nicht verhindern — sie ist eine Folge der Frühgeburtlichkeit und der unreifen Netzhaut. Auf der Neonatologie wird die Sauerstoffsättigung Deines Kindes engmaschig überwacht, um Schwankungen zu minimieren. Das ist die wirksamste präventive Maßnahme.
Ist die Laserbehandlung schmerzhaft für mein Kind?
Die Laserbehandlung wird unter Narkose oder tiefer Sedierung durchgeführt. Dein Kind spürt während der Behandlung keine Schmerzen. Danach kann das Auge gereizt sein — das legt sich in der Regel innerhalb weniger Tage.
Dieser Artikel ersetzt keine augenärztliche Beratung. Besprich alle Fragen zur ROP mit dem Augenarzt und dem Behandlungsteam auf der Neonatologie.