Komplikationen einer Frühgeburt

Warum hat mein Frühchen eine Hirnblutung?

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Warum hat mein Frühchen eine Hirnblutung?

Was ist eine Hirnblutung bei Fruehgeborenen?

Wenn Dein Fruehchen eine Hirnblutung hat, klingt das erst einmal furchtbar. Und ja — es ist eine ernste Diagnose, die Dir Angst machen darf. Gleichzeitig ist es wichtig zu wissen: Nicht jede Hirnblutung bedeutet automatisch schwerwiegende Folgen. Die Aerzte auf der Neonatologie kennen sich mit diesem Thema sehr gut aus, denn Hirnblutungen gehoeren leider zu den haeufigsten Komplikationen bei sehr frueh geborenen Kindern.

In der Fachsprache heisst diese Art der Blutung peri- oder intraventrikuaere Haemorrhagie. Periventrikulaer bedeutet "um die Hirnkammern (Ventrikel) herum", intraventrikuaer "innerhalb der Hirnkammern". Die Blutung entsteht in einem Bereich des Gehirns, der bei sehr unreifen Fruehchen besonders empfindlich ist: der sogenannten germinalen Matrix. Dieses Gewebe ist stark durchblutet, aber die Blutgefaesse sind bei Fruehgeborenen noch duennwandig und verletzlich. Bei Schwankungen des Blutdrucks oder der Durchblutung koennen sie leicht einreissen.

Wie haeufig sind Hirnblutungen bei Fruehchen?

Hirnblutungen treten vor allem bei sehr unreifen Fruehgeborenen auf — also bei Kindern, die vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden. In dieser Gruppe entwickeln etwa 15 bis 30 Prozent der Kinder eine Hirnblutung unterschiedlichen Schweregrads. Je unreifer Dein Kind bei der Geburt war, desto hoeher ist das Risiko. Bei Fruehchen ab der 32. SSW sind Hirnblutungen dagegen deutlich seltener.

Die allermeisten Hirnblutungen — rund 90 Prozent — treten in den ersten drei Lebenstagen auf. Deshalb wird Dein Fruehchen in dieser kritischen Phase engmaschig ueberwacht, und es werden regelmaessig Ultraschalluntersuchungen des Kopfes (Schaedelsonographien) durchgefuehrt.

Warum bekommen Fruehchen Hirnblutungen?

Das Gehirn Deines Fruehchens ist zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht vollstaendig ausgereift. Bei sehr unreifen Fruehgeborenen — vor allem unter der 28. SSW — funktioniert die sogenannte Autoregulation der Hirndurchblutung oft noch nicht zuverlaessig. Das bedeutet: Schwankungen im Blutdruck, die ein reif geborenes Baby problemlos ausgleichen wuerde, koennen bei Deinem Fruehchen dazu fuehren, dass die empfindlichen Blutgefaesse im Gehirn uebermaessig belastet werden.

Verschiedene Situationen koennen solche Blutdruckschwankungen ausloesen und damit das Risiko fuer eine Hirnblutung erhoehen. Dazu gehoeren Atemprobleme und die notwendige kuenstliche Beatmung, ein offener Ductus arteriosus (PDA), Infektionen, Unterkuehlung nach der Geburt sowie Stress durch Lagerung, Transport oder medizinische Eingriffe. Auch eine schwierige Geburt selbst kann ein Risikofaktor sein. Die Teams auf der Neonatologie tun alles, um diese Risiken so gering wie moeglich zu halten — unter anderem durch schonende Pflege (Minimal Handling), stabile Lagerung und sorgfaeltige Ueberwachung.

Wie wird eine Hirnblutung festgestellt?

Hirnblutungen werden durch eine Ultraschalluntersuchung des Kopfes entdeckt — die sogenannte Schaedelsonographie. Diese Untersuchung ist fuer Dein Kind schmerzfrei und kann direkt am Bettchen auf der Intensivstation durchgefuehrt werden. Der Schall wird ueber die noch offene Fontanelle (die weiche Stelle am Koepfchen) geleitet, sodass die Aerzte die Hirnstrukturen und die Ventrikel gut beurteilen koennen.

Nicht alle Hirnblutungen zeigen aeusserlich Symptome. Leichte Blutungen (Grad 1) verlaufen oft voellig symptomfrei und werden nur durch die Routine-Ultraschalluntersuchung entdeckt. Bei schwereren Blutungen koennen verschiedene Anzeichen auftreten: Dein Fruehchen wirkt moeglicherweise schlaffer als sonst, hat haeufiger Atempausen oder Sauerstoffsaettigungs-Schwankungen, der Blutdruck faellt ab, die Fontanelle woelbt sich vor oder es treten Krampfanfaelle auf. Wenn Du solche Veraenderungen bei Deinem Kind bemerkst, sprich das Pflegeteam sofort an — auch wenn es sich als harmlos herausstellen sollte.

Die Schweregrade — was bedeuten sie?

Hirnblutungen bei Fruehgeborenen werden nach ihrem Schweregrad eingeteilt. Die klassische Einteilung nach Papile unterscheidet vier Grade, wobei die moderne Neonatologie die Einteilung etwas angepasst hat:

Grad 1 ist die leichteste Form: Die Blutung beschraenkt sich auf die germinale Matrix, also das empfindliche Gewebe am Rand der Hirnkammern. Sie breitet sich nicht in die Ventrikel aus. Diese Form hat in der Regel keine Langzeitfolgen und wird vom Koerper selbst resorbiert (aufgeloest).

Grad 2 bedeutet, dass Blut in die Hirnkammern eingedrungen ist, diese aber weniger als zur Haelfte fuellt. Auch hier ist die Prognose meist guenstig, und die Blutung bildet sich in den meisten Faellen von selbst zurueck.

Grad 3 liegt vor, wenn die Hirnkammern zu mehr als 50 Prozent mit Blut gefuellt sind und sich dadurch aufweiten. Diese Form ist schwerwiegender, weil der Blutungsumfang groesser ist und das Risiko fuer Folgeprobleme steigt — insbesondere fuer einen sogenannten post-haemorrhagischen Hydrocephalus (eine Erweiterung der Hirnkammern durch gestaute Hirnfluessigkeit).

Frueher sprach man zusaetzlich von einem "Grad 4" — heute wird diese Form als PIVH (periventrikuaere haemorrhagische Infarzierung) bezeichnet und als eigenes Krankheitsbild betrachtet. Dabei hat die Blutung in das umliegende Hirngewebe eingebrochen, was zu einer Schaedigung von Nervenzellen fuehren kann. Die Prognose haengt stark davon ab, wie gross der betroffene Bereich ist und welche Hirnregionen beteiligt sind.

Was passiert nach der Diagnose?

Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Blutung. Bei leichten Hirnblutungen (Grad 1 und 2) ist oft keine spezielle Therapie noetig — das Aerzteteam ueberwacht Dein Kind engmaschig mit regelmaessigen Kopf-Ultraschall-Kontrollen und achtet darauf, dass sich kein Hydrocephalus entwickelt.

Grundsaetzlich zielt die Behandlung darauf ab, weitere Blutungen zu verhindern und das Gehirn zu schuetzen. Dazu gehoeren: schonende Pflege und Minimal Handling (so wenig Stress wie moeglich fuer Dein Fruehchen), eine stabile Lagerung mit dem Koepfchen in der Mittelposition, sorgfaeltige Blutdruck- und Kreislaufueberwachung sowie die Vermeidung von starken Schwankungen bei der Sauerstoffversorgung. Dein Kind bekommt ausserdem Vitamin K zur Unterstuetzung der Blutgerinnung.

Bei schweren Blutungen (Grad 3 oder PIVH) wird besonders engmaschig kontrolliert, ob sich ein post-haemorrhagischer Hydrocephalus entwickelt. Wenn die Hirnkammern sich durch gestaute Hirnfluessigkeit (Liquor) zunehmend erweitern, kann eine Ableitung noetig werden — zunaechst voruebergehend ueber ein Reservoir unter der Kopfhaut, spaeter eventuell dauerhaft ueber ein Shuntsystem. Die Entscheidung darueber wird sorgfaeltig abgewogen und mit Euch als Eltern besprochen.

Moegliche Langzeitfolgen und Nachsorge

Die Langzeitprognose haengt stark vom Schweregrad ab. Bei leichten Hirnblutungen (Grad 1-2) entwickeln sich die allermeisten Kinder voellig normal oder mit nur minimalen Auffaelligkeiten. Bei schweren Blutungen (Grad 3 oder PIVH) besteht ein erhoehtes Risiko fuer Entwicklungsverzoegerungen, motorische Schwierigkeiten oder kognitive Beeintraechtigungen — aber auch hier gibt es Kinder, die sich erstaunlich gut entwickeln.

Moegliche Langzeitfolgen, die im Verlauf auftreten koennen, sind sprachliche oder motorische Entwicklungsverzoegerungen, eine infantile Cerebralparese (ICP), Epilepsie, Seh- oder Hoerstoerungen sowie Lernschwierigkeiten im Schulalter. Eine besondere Rolle spielt dabei die periventrikuaere Leukomalazie (PVL) — eine Schaedigung der weissen Hirnsubstanz, die bei schweren Hirnblutungen auftreten kann und motorische Beeintraechtigungen nach sich ziehen kann.

Deshalb ist eine konsequente Nachsorge so wichtig. Dein Kind wird in den kommenden Monaten und Jahren regelmaessig untersucht, damit Auffaelligkeiten fruehzeitig erkannt und behandelt werden koennen. Fruehfoerderung, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopaedie koennen gezielt ansetzen und die Entwicklung Deines Kindes unterstuetzen. Viele Kinder machen mit der richtigen Foerderung grosse Fortschritte — auch wenn die Prognose anfangs besorgniserregend klingt.

Wie es mit den konkreten Folgen einer Hirnblutung und der Prognose langfristig aussieht, haben wir in einem eigenen Artikel fuer Euch zusammengefasst.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine aerztliche Beratung. Bitte sprich mit dem Behandlungsteam Deines Kindes, wenn Du Fragen hast.