Komplikationen einer Frühgeburt

Überlebenschancen bei Frühgeburt — Statistik nach Schwangerschaftswoche

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Überlebenschancen bei Frühgeburt — Statistik nach Schwangerschaftswoche

Wenn Dein Baby viel zu früh auf die Welt kommt, dreht sich alles um eine einzige Frage: Wird mein Kind überleben? Diese Frage ist zutiefst menschlich — und sie verdient eine ehrliche Antwort. In diesem Artikel findest Du die aktuellen Zahlen zu Überlebenschancen bei Frühgeburt, aufgeschlüsselt nach Schwangerschaftswoche (SSW). Die Daten stammen aus großen Studien und deutschen Registerdaten der letzten Jahre.

Gleichzeitig ist uns wichtig: Statistiken geben Orientierung, aber sie ersetzen keine individuelle Prognose. Ein Prozentsatz sagt nichts über Dein einzelnes Kind aus. Viele Faktoren — vom Geburtsort über die Lungenreife bis zum Geschlecht — beeinflussen die Chancen. Die Zahlen in diesem Artikel sind Durchschnittswerte, hinter denen Tausende ganz unterschiedliche Geschichten stehen.

Jedes Frühchen ist anders. Manche Kinder, deren Prognose zunächst schlecht aussah, entwickeln sich hervorragend. Andere haben trotz guter Ausgangslage einen schwierigeren Weg. Statistik ist kein Schicksal — aber sie kann Dir helfen, die Situation besser einzuordnen und informierte Gespräche mit dem behandelnden Ärzteteam zu führen.

Was bedeutet „Überlebenschance" bei Frühchen?

Bevor wir die konkreten Zahlen betrachten, ist es wichtig zu verstehen, was mit „Überlebenschance" gemeint ist. In der Neonatologie (Neugeborenenmedizin) unterscheidet man mehrere Ebenen:

Überleben bei Geburt bedeutet, dass das Kind lebend zur Welt kommt und die ersten Stunden übersteht. Überleben bis zur Entlassung aus der Klinik ist ein strengeres Kriterium — denn gerade in den ersten Lebenswochen können schwere Komplikationen auftreten. Und Überleben ohne schwere Behinderung bezieht sich auf Kinder, die ohne schwerwiegende motorische, kognitive oder sensorische Einschränkungen aufwachsen. Diese drei Zahlen unterscheiden sich teilweise erheblich, besonders bei sehr früh geborenen Kindern.

Die sogenannte Grenze der Lebensfähigkeit liegt in Deutschland im Bereich von 22+0 bis 24+6 SSW. In dieser „Grauzone" — so der medizinische Fachbegriff — gibt es keinen Automatismus für oder gegen eine aktive Therapie. Die AWMF-Leitlinie 024-019 (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) empfiehlt hier eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam mit den Eltern getroffen wird. Unterhalb von 22+0 SSW wird in der Regel keine lebenserhaltende Therapie eingeleitet. Ab 25+0 SSW ist aktive Therapie der Regelfall.

Warum müssen die Zahlen vorsichtig interpretiert werden? Zum einen variieren die Überlebensraten je nach Klinik, Land und Therapieansatz erheblich. Schwedische Daten zeigen beispielsweise höhere Überlebensraten als deutsche, weil in Schweden bereits ab SSW 22 konsequent aktiv therapiert wird. Zum anderen stammen viele Studien aus unterschiedlichen Zeiträumen — und die Neonatologie macht kontinuierlich Fortschritte. Was vor zehn Jahren galt, kann heute schon überholt sein.

Wie stehen die Chancen? Ein Überblick nach Schwangerschaftswoche

Bevor Du weiterliest, möchten wir Dir etwas mitgeben: Die folgenden Zahlen beschreiben Gruppen von Kindern — nicht Dein Kind. Jedes Frühchen bringt seine eigene Geschichte mit, und hinter jeder Statistik stehen Tausende ganz unterschiedliche Verläufe. Nimm die Zahlen als Orientierung, nicht als Urteil.

Extrem früh: SSW 22 bis 24 — Jeder Tag zählt

In diesem Bereich bewegen wir uns an der Grenze der medizinischen Möglichkeiten. Die Chancen steigen hier mit jedem einzelnen Tag spürbar an. In der 24. Schwangerschaftswoche überleben bei aktiver intensivmedizinischer Behandlung bereits mehr als die Hälfte der Kinder. Ein Teil von ihnen entwickelt sich langfristig ohne schwerwiegende Einschränkungen — wie groß dieser Anteil ist, hängt stark vom Geburtsort, der Lungenreife und weiteren Faktoren ab.

In der 22. und 23. SSW sind die Chancen deutlich geringer, und die Datenlage ist dünner. Hier wird in Deutschland in der Regel individuell entschieden, ob eine aktive Therapie eingeleitet wird — mehr dazu weiter unten im Abschnitt zur Grauzone.

Sehr früh: SSW 25 bis 27 — Die Chancen steigen deutlich

Ab der 25. Schwangerschaftswoche verbessern sich die Überlebenschancen mit jeder Woche erheblich. In der 25. SSW überleben bei aktiver Therapie bereits rund drei von vier Kindern. In der 27. SSW sind es schon knapp neun von zehn. Auch der Anteil der Kinder, die sich ohne schwere Beeinträchtigungen entwickeln, wächst in diesem Zeitraum deutlich. Das bedeutet nicht, dass der Weg leicht ist — viele dieser Kinder verbringen Wochen oder Monate auf der Neugeborenen-Intensivstation. Aber die Aussichten sind um ein Vielfaches besser als noch vor zwanzig Jahren.

Früh: SSW 28 bis 31 — Über 90 Prozent überleben

Ab SSW 28 liegen die Überlebenschancen bei über 90 Prozent. Die meisten dieser Kinder entwickeln sich gut, auch wenn einige — wie bei allen Frühgeborenen — Unterstützung bei der Entwicklung brauchen können. In der 30. und 31. SSW nähern sich die Chancen bereits dem Niveau reifgeborener Kinder an. Für Euch als Eltern heißt das: Es wird wahrscheinlich eine intensive Zeit auf der Neo — aber die Aussichten sind gut.

Späte Frühgeburt: SSW 32 bis 36 — Sehr gute Prognose

Kinder, die zwischen der 32. und 36. Schwangerschaftswoche geboren werden, haben sehr gute Überlebenschancen — nahezu alle überleben, und der allergrößte Teil entwickelt sich ohne schwere Folgen. Unterschätzt werden sollten diese Kinder trotzdem nicht: In den ersten Tagen können Atemprobleme, Gelbsucht oder Schwierigkeiten beim Trinken auftreten. Aber insgesamt ist die Prognose bei späten Frühgeborenen ermutigend.

Was bei all diesen Zahlen gilt: Jede einzelne Woche im Mutterleib zählt. Zwischen SSW 23 und SSW 28 steigen die Chancen mit jeder Woche enorm. Wenn es medizinisch möglich ist, die Schwangerschaft auch nur um wenige Tage zu verlängern, kann das einen echten Unterschied machen.

Die hier eingeordneten Daten stammen aus großen Studien der letzten 10 bis 15 Jahre, darunter Singer 2012 (Bundesgesundheitsblatt), die schwedische EXPRESS-Studie (Fellman et al., JAMA 2009), die britische EPICure-Studie (Costeloe et al.) und die IQTIG-Bundesauswertung Neonatologie. Die AWMF-Leitlinie 024-019 ist seit Mai 2025 abgelaufen und wird derzeit überarbeitet — die darin enthaltenen Empfehlungen gelten aber weiterhin als Orientierungsrahmen. Die Medizin entwickelt sich stetig weiter — aktuelle Ergebnisse können bereits günstiger ausfallen.

Welche Faktoren beeinflussen die Prognose?

Die Schwangerschaftswoche ist zwar der wichtigste Einzelfaktor, aber sie ist bei Weitem nicht der einzige. Mehrere weitere Faktoren haben einen erheblichen Einfluss darauf, wie die Chancen Deines Kindes tatsächlich stehen.

Schwangerschaftswoche — der wichtigste Faktor

Das Gestationsalter (die Schwangerschaftswoche zum Zeitpunkt der Geburt) bestimmt maßgeblich, wie weit die Organe Deines Kindes entwickelt sind. Die Lunge, das Gehirn, der Darm — sie alle brauchen Zeit, um zu reifen. Zwischen SSW 23 und SSW 28 macht das Kind in jeder einzelnen Woche enorme Entwicklungssprünge. Deshalb versuchen Ärztinnen und Ärzte bei drohender Frühgeburt, jede zusätzliche Woche — manchmal auch nur jeden zusätzlichen Tag — herauszuholen.

Geburtsort — warum das Perinatalzentrum entscheidend ist

Wo Dein Kind zur Welt kommt, hat einen größeren Einfluss auf die Überlebenschancen als viele Eltern zunächst denken. In Deutschland gibt es eine klare Abstufung der Versorgungslevel: Perinatalzentren Level 1 sind auf die Versorgung von extrem kleinen und extrem unreifen Frühgeborenen spezialisiert (unter 1.250 Gramm und/oder vor SSW 29). Sie haben rund um die Uhr erfahrene Neonatologen, Kinderchirurgen und die nötige Infrastruktur vor Ort.

Eine Studie aus Baden-Württemberg (Hummler et al. 2006) zeigt, wie groß der Unterschied sein kann: Für Kinder unter 26 SSW war das Sterberisiko in kleineren Kliniken mehr als doppelt so hoch wie in Perinatalzentren Level 1. Dieser Unterschied ist vor allem bei extrem Frühgeborenen ausgeprägt — ab SSW 26 gleichen sich die Ergebnisse zunehmend an. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat deshalb verbindliche Strukturvorgaben erlassen, die regeln, welche Klinik welche Frühgeborenen versorgen darf.

Ein weiterer Vorteil: Kinder, die direkt im Perinatalzentrum geboren werden (sogenannte „Inborn"-Kinder), haben bessere Chancen als Kinder, die nach der Geburt in eine Spezialklinik verlegt werden müssen. Wenn bei Dir eine extreme Frühgeburt droht, ist die rechtzeitige Verlegung in ein Level-1-Zentrum einer der wichtigsten Schritte überhaupt.

Antenatale Steroide — Lungenreife als Gamechanger

Wenn eine Frühgeburt droht, gibt es eine Maßnahme, die die Prognose Deines Kindes ganz entscheidend verbessern kann: die Lungenreifung durch antenatale Kortikosteroide. Dabei bekommt die Mutter Betamethason (ein Kortisonpräparat) gespritzt — idealerweise mindestens 24 Stunden vor der Geburt. Dieses Medikament regt in der Lunge des Babys die Produktion von Surfactant (einer Substanz, die verhindert, dass die Lungenbläschen zusammenkleben) an und beschleunigt die Lungenreifung.

Die Wirkung ist enorm: Antenatale Steroide senken nicht nur die Sterblichkeit, sondern reduzieren auch das Risiko für das Atemnotsyndrom (IRDS, Infant Respiratory Distress Syndrome) und für Hirnblutungen deutlich. Dieses einfache, sichere und seit Jahrzehnten bewährte Mittel ist einer der größten Fortschritte in der Neonatologie — und einer der Gründe, warum sich die Ergebnisse in den letzten Jahrzehnten so stark verbessert haben.

Geschlecht — der kleine Mädchenvorteil

Es klingt überraschend, aber es ist gut belegt: Mädchen haben bei gleicher Schwangerschaftswoche einen statistischen Überlebensvorteil gegenüber Jungen. Dieser Unterschied beträgt etwa 2 bis 3 Prozentpunkte und ist besonders bei extrem frühgeborenen Kindern relevant. Medizinisch erklärt man das unter anderem mit der schnelleren Lungenreifung bei weiblichen Feten. In der Praxis bedeutet das: Ein Mädchen in SSW 24 hat statistisch gesehen in etwa die Prognose eines Jungen in SSW 25. Die EXPRESS-Studie (Fellman et al., JAMA 2009) und Daten des US-amerikanischen NICHD-Netzwerks (National Institute of Child Health and Human Development) bestätigen diesen Effekt.

Geburtsgewicht und weitere Faktoren

Auch das Geburtsgewicht spielt eine wichtige Rolle, besonders wenn es für die jeweilige SSW ungewöhnlich niedrig ist. Kinder, die als SGA (Small for Gestational Age — zu klein für ihr Schwangerschaftsalter) gelten, haben bei gleicher SSW eine etwas schwierigere Ausgangslage als normalgewichtige Frühchen. Unterhalb von 500 Gramm Geburtsgewicht wird die Situation nochmals ernster — hier sind die Chancen deutlich eingeschränkter.

Auch ob Dein Kind ein Einling oder ein Mehrling ist, macht einen Unterschied. Einlinge haben in der Regel bessere Überlebenschancen als Mehrlinge bei gleicher Schwangerschaftswoche, da Zwillinge oder Drillinge häufiger wachstumsretardiert sind und höhere Komplikationsraten aufweisen.

Die Grenze der Lebensfähigkeit — eine schwierige Zone

Die Wochen zwischen 22+0 und 24+6 SSW werden in der Medizin als „Grauzone" (Grey Zone) bezeichnet. In diesem Bereich ist die Grenze zwischen Leben und Tod besonders schmal — und die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, gehören zu den schwierigsten in der gesamten Medizin.

Die AWMF-Leitlinie 024-019 („Frühgeborene an der Grenze der Lebensfähigkeit") gibt den Rahmen für diese Entscheidungen vor. Vor 22+0 SSW wird in der Regel nur palliativ versorgt — das bedeutet, das Kind wird warmgehalten, bekommt Zuwendung, aber es werden keine intensivmedizinischen Maßnahmen eingeleitet. Ab 25+0 SSW ist eine aktive Therapie der Regelfall. Dazwischen liegt die Zone, in der individuell entschieden wird.

Was heißt „individuell entschieden"? Das bedeutet, dass das behandelnde Team gemeinsam mit den Eltern abwägt. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: das geschätzte Gestationsalter, das geschätzte Geburtsgewicht, ob ein Einling oder Mehrling vorliegt, das Geschlecht des Kindes, ob die Lungenreife bereits gegeben wurde und — ganz wichtig — die Vitalität des Kindes nach der Geburt. Die Leitlinie spricht vom sogenannten „Probehandeln": Die Versorgung wird begonnen und nach 10 bis 15 Minuten wird der Zustand des Kindes neu beurteilt. Spricht die Situation dafür, dass dem Kind nicht geholfen werden kann, ist eine Umstellung auf Palliativversorgung möglich.

Für Euch als Eltern ist das eine unvorstellbar belastende Situation. Wenn eine Geburt in der Grauzone droht, habt Ihr das Recht auf eine ausführliche Beratung — und zwar durch Neonatologen und Geburtshelfer gemeinsam. Ihr sollt informiert werden, ohne unter Druck gesetzt zu werden. Und Ihr sollt wissen: Es gibt hier kein „richtig" oder „falsch". Es gibt nur Entscheidungen, die nach bestem Wissen und Gewissen gemeinsam getroffen werden.

Wir wissen, dass diese Zeilen schwer zu lesen sind. Wenn Du Dich gerade in genau dieser Situation befindest: Sprich mit dem Ärzteteam, stell alle Fragen, die Du hast — und gib Dir selbst die Erlaubnis, dass es keine perfekte Entscheidung geben muss.

Mögliche Komplikationen und Langzeitfolgen

Je früher ein Kind geboren wird, desto höher ist das Risiko für Komplikationen — sowohl in der akuten Phase auf der Neugeborenen-Intensivstation als auch langfristig. Wir möchten Dir hier einen ehrlichen Überblick geben, ohne Dir unnötig Angst zu machen.

Eine der gefürchtetsten Komplikationen bei extrem Frühgeborenen ist die Hirnblutung, medizinisch intraventrikuläre Hämorrhagie (IVH, eine Blutung in die Hirnkammern). Bei Kindern unter 26 SSW kommt eine schwere Hirnblutung (Grad 3 bis 4) bei etwa einem Viertel der Kinder vor. Leichtere Hirnblutungen (Grad 1 bis 2) haben in der Regel eine gute Prognose und heilen oft ohne bleibende Schäden aus. Ausführliche Informationen findest Du in unserem Artikel zur Hirnblutung bei Frühgeborenen.

Die bronchopulmonale Dysplasie (BPD, eine chronische Lungenschädigung durch Beatmung und Unreife) betrifft vor allem die allerkleinsten Frühchen. Je unreifer die Lunge bei der Geburt, desto höher das Risiko. Langfristig kann eine BPD zu häufigeren Atemwegsinfekten oder einer Neigung zu Asthma führen — viele Kinder wachsen aber im Laufe der Zeit darüber hinaus. Mehr zum Thema Beatmung findest Du in unserem Artikel zu den Formen der Beatmung bei einer Frühgeburt.

Die nekrotisierende Enterokolitis (NEC) ist eine schwere Darmerkrankung, die vor allem Frühgeborene unter 28 SSW betrifft. Sie kann lebensbedrohlich sein und im schlimmsten Fall dazu führen, dass Teile des Darms operativ entfernt werden müssen. In solchen Fällen kann eine langfristige Ernährung über eine PEG-Sonde (perkutane endoskopische Gastrostomie) notwendig werden. Alles Wichtige dazu erfährst Du in unserem Beitrag zur nekrotisierenden Enterokolitis (NEC).

Auch die Retinopathie der Frühgeborenen (ROP, Retinopathy of Prematurity) ist eine mögliche Komplikation — eine Erkrankung der Netzhaut, die bei einem Teil der sehr unreifen Kinder behandelt werden muss. Die gute Nachricht: In den allermeisten Fällen kann eine Behandlung (Laser oder Medikamente) die Sehkraft erhalten.

Aber auch das gehört zur Wahrheit: Viele Frühchen entwickeln sich ganz normal. Gerade bei Kindern, die ab SSW 28 oder später geboren werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie sich altersgerecht entwickeln. Und selbst bei sehr unreifen Kindern gibt es immer wieder Geschichten, die Mut machen. Wichtig ist, dass die Entwicklung Deines Kindes am korrigierten Alter gemessen wird — also nicht am Geburtstag, sondern am errechneten Geburtstermin. Ein Kind, das in SSW 28 geboren wurde und sechs Monate alt ist, wird entwicklungsmäßig eher wie ein drei Monate altes Kind beurteilt. Das ist entscheidend, um die Fortschritte Deines Kindes fair einzuschätzen. Mehr dazu erfährst Du in unserem Artikel Frühgeborene und Folgen.

Frühgeburten in Deutschland — wie häufig sind sie?

Frühgeburten sind häufiger, als viele denken. In Deutschland liegt die Frühgeburtenrate bei etwa 6 Prozent aller Geburten. Das entspricht rund 42.000 Frühgeborenen pro Jahr (bei etwa 700.000 Geburten) — also Kindern, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen.

Die allermeisten davon sind sogenannte späte Frühgeborene (Late Preterms), die zwischen SSW 34 und 36 geboren werden. Sie machen rund 70 Prozent aller Frühgeburten aus. Diese Kinder haben insgesamt sehr gute Prognosen, werden aber häufig unterschätzt — sie haben im Vergleich zu Reifgeborenen ein höheres Risiko für Atemprobleme, Gelbsucht (Ikterus) und Fütterungsschwierigkeiten in den ersten Tagen.

Am anderen Ende des Spektrums stehen die extrem Frühgeborenen: Kinder, die vor SSW 28 zur Welt kommen. Davon gibt es in Deutschland etwa 3.000 bis 5.000 pro Jahr. Trotz ihrer geringen Zahl sind sie es, deren Geschichte häufig am dramatischsten verläuft und die den größten Teil der intensivmedizinischen Ressourcen benötigen.

Die Frühgeburtenrate in Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten insgesamt leicht gesunken (von über 9 Prozent auf die heutigen rund 6 Prozent). Gegenläufig wirkt die zunehmende Nutzung von Kinderwunschbehandlungen wie der In-vitro-Fertilisation (IVF, künstliche Befruchtung), die zu mehr Mehrlingsschwangerschaften führt — insgesamt überwiegt jedoch der rückläufige Trend.

Was Ihr als Eltern tun könnt

Auch wenn vieles bei einer Frühgeburt außerhalb Eurer Kontrolle liegt, gibt es einige Dinge, die Ihr aktiv beeinflussen könnt — und die einen echten Unterschied machen können.

Wenn eine extreme Frühgeburt droht: Besteht darauf, in ein Perinatalzentrum Level 1 verlegt zu werden. Das ist der wichtigste einzelne Schritt, den Ihr als Eltern unternehmen könnt. Jede Geburtsklinik sollte eine drohende Frühgeburt vor SSW 29 rechtzeitig in ein spezialisiertes Zentrum überweisen — aber fragt aktiv nach, wenn das nicht geschieht.

Fragt auch nach der Lungenreife. Die Gabe von Betamethason an die Mutter vor einer drohenden Frühgeburt ist Standard — aber in hektischen Notfallsituationen kann es helfen, wenn Ihr selbst informiert seid und gegebenenfalls nachhakt. Idealerweise werden die Steroide mindestens 24 Stunden vor der Geburt verabreicht.

Informiert Euch, aber lasst Euch nicht von Zahlen lähmen. Statistiken sind ein Werkzeug, kein Urteil. Sie sagen etwas über Gruppen von Kindern — nicht über Dein Kind persönlich. Nutze die Zahlen, um die richtigen Fragen zu stellen und informierte Gespräche mit dem Ärzteteam zu führen.

Denkt daran: Jede Woche im Bauch zählt. Wenn es medizinisch möglich ist, die Schwangerschaft zu verlängern — durch Bettruhe, Wehenhemmung (Tokolyse) oder andere Maßnahmen — dann kann schon ein einziger zusätzlicher Tag einen Unterschied machen.

Nach der Geburt ist Kangaroo Care (Känguru-Methode) eine der wertvollsten Maßnahmen für Euch und Euer Kind. Dabei wird das Frühchen in Haut-zu-Haut-Kontakt auf Eure Brust gelegt. Das stabilisiert den Herzschlag, die Atmung und die Temperatur des Babys, fördert die Muttermilchproduktion und stärkt die Bindung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Kangaroo Care ausdrücklich für alle Frühgeborenen. Im Artikel zum NIDCAP-Konzept kannst Du mehr über entwicklungsfördernde Pflege auf der Neugeborenenstation erfahren.

Und nicht zuletzt: Vernetzt Euch. Der Bundesverband „Das frühgeborene Kind" e.V. bietet Beratung, Elterntreffen und Informationsmaterialien. Es hilft, mit anderen Familien zu sprechen, die Ähnliches durchgemacht haben. Ihr seid nicht allein.

Häufige Fragen zu Überlebenschancen bei Frühgeburt

Wie hoch sind die Überlebenschancen in der 24. SSW?

Bei aktiver intensivmedizinischer Behandlung in einem spezialisierten Zentrum überlebt in der 24. SSW bereits mehr als die Hälfte der Kinder. Ein guter Teil davon entwickelt sich langfristig ohne schwere Beeinträchtigungen. Die Chancen hängen stark vom Geburtsort, der Lungenreife-Gabe und weiteren individuellen Faktoren ab. In einem Perinatalzentrum Level 1 sind die Aussichten deutlich besser als in einer kleineren Klinik.

Ab wann ist ein Frühchen lebensfähig?

In Deutschland liegt die untere Grenze der Lebensfähigkeit bei etwa 22+0 SSW. Unterhalb dieser Grenze wird in der Regel keine aktive Therapie eingeleitet. Zwischen 22+0 und 24+6 SSW wird individuell entschieden — diese Phase nennt man die „Grauzone". Ab 25+0 SSW ist eine aktive Behandlung der Regelfall, und die Mehrheit der Kinder überlebt.

Mein Kind wiegt nur 500 Gramm — ist das zu wenig?

Ein Geburtsgewicht von 500 Gramm ist sehr niedrig, aber kein automatisches Ausschlusskriterium. Auch Kinder mit so geringem Gewicht können überleben — die Chancen hängen aber stark von der Schwangerschaftswoche und der medizinischen Versorgung ab. Kinder, die für ihre SSW normalgewichtig sind, haben bessere Aussichten als solche, die zusätzlich wachstumsverzögert (SGA) sind. Sprich mit dem Neonatologenteam über die konkreten Aussichten für Dein Kind.

Warum ist die Klinikwahl so wichtig?

Die Erfahrung des Teams, die technische Ausstattung und die Verfügbarkeit aller notwendigen Spezialisten rund um die Uhr machen einen enormen Unterschied. Studien zeigen, dass die Überlebenschancen bei extrem Frühgeborenen in Perinatalzentren Level 1 deutlich höher sind als in kleineren Häusern. Bei einer drohenden extremen Frühgeburt ist die rechtzeitige Verlegung in ein solches Zentrum eine der wirksamsten Maßnahmen, die es gibt.

Wird sich mein Frühchen normal entwickeln?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten, weil es von vielen Faktoren abhängt — vor allem von der Schwangerschaftswoche und den eventuell aufgetretenen Komplikationen. Die gute Nachricht: Viele Frühchen, insbesondere solche, die ab SSW 28 oder später geboren werden, entwickeln sich altersgerecht. Bei extrem Frühgeborenen können leichtere Auffälligkeiten wie Lernschwierigkeiten oder Konzentrationsprobleme häufiger auftreten. Regelmäßige Nachsorge und frühzeitige Förderung machen dabei einen großen Unterschied. Weitere Informationen findest Du in unserem Artikel Frühgeborene und Folgen.

Was bedeutet korrigiertes Alter?

Das korrigierte Alter berücksichtigt, wie viel zu früh Dein Kind geboren wurde. Es wird vom tatsächlichen Alter die Zeit abgezogen, die bis zum errechneten Geburtstermin gefehlt hat. Ein Beispiel: Wenn Dein Kind in SSW 28 geboren wurde (also 12 Wochen zu früh) und jetzt 6 Monate alt ist, beträgt das korrigierte Alter 3 Monate. Kinderärzte nutzen das korrigierte Alter, um die Entwicklung Deines Kindes realistisch einzuschätzen — und das ist auch der Maßstab, an dem Du Dich orientieren solltest, zum Beispiel auch beim Beikosteinstieg bei Frühgeborenen.

Ab wann kann ein Frühchen ohne Hilfe atmen?

Das hängt stark von der Schwangerschaftswoche und der Lungenreife ab. Kinder, die nach SSW 34 geboren werden, können oft von Anfang an selbstständig oder mit wenig Unterstützung atmen. Extrem Frühgeborene unter SSW 28 benötigen dagegen fast immer eine Form der Atemunterstützung — von CPAP (Continuous Positive Airway Pressure, ein Verfahren das die Atemwege mit leichtem Überdruck offen hält) über Sauerstoffgabe bis hin zur maschinellen Beatmung. Manche Kinder mit schwerer bronchopulmonaler Dysplasie brauchen noch monatelang Sauerstoff. Mehr dazu erfährst Du in unserem Beitrag über Beatmungsformen bei Frühgeborenen.

Wo finde ich weitere Hilfe und Unterstützung?

Eine der wichtigsten Anlaufstellen ist der Bundesverband „Das frühgeborene Kind" e.V. — er bietet Informationen, Beratung und vernetzt Euch mit anderen betroffenen Familien. In vielen Kliniken gibt es zudem Sozialdienste und psychologische Beratung speziell für Eltern von Frühgeborenen. Scheut Euch nicht, diese Angebote in Anspruch zu nehmen. Auch der Austausch in Selbsthilfegruppen kann enorm hilfreich sein. Fragt auf der Neugeborenen-Station gezielt nach Unterstützungsangeboten — sie stehen Euch zu.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Jede Schwangerschaft und jede Geburt ist individuell. Besprich die Situation Deines Kindes immer mit dem behandelnden Ärzteteam. Die in diesem Artikel genannten Statistiken sind Durchschnittswerte aus verschiedenen Studien und erlauben keine Rückschlüsse auf den Einzelfall.