Ein Frühchen Tragen, geht das?

Frühchen Tragen – ein Interview mit Sandra Bodemer

Ein Frühchen tragen – eine zu frühe Geburt, der Babybauch ist früher als erwartet nicht mehr da und das Neugeborene liegt auf einer Neonatologie. Völlig normal also, dass man an Dinge wie stillen oder tragen keinen Gedanken verschwendet – hat man doch in so einer Situation ganz andere Sorgen. Aus diesem Grunde möchten wir in diesem Artikel etwas näher auf das Tragen eingehen und haben uns dazu einmal umgehört.

Frühchen Tragen Trageberatung
S.Bodemer, Trageberaterin

Frau Sandra Bodemer, gelernte Zahnarzthelferin, ist zertifzierte Didymos-Trageberaterin. Zuvor absolvierte sie die Fachgebundene Hochschulreife im Bereich Psychologie und Pädagogik und beschäftigte sich insbesondere mit der Frühgeburtsproblematik, da sie selbst als Frühgeburt der 26.SSW zur Welt kam. Seit der Geburt ihres zweiten Kindes arbeitet sie als selbstständige Trageberaterin mit dem Schwerpunkt auf Frühchen und krank geborenen Kindern. Darüber hinaus befasst sie sich autodidaktisch mit den Themen Bonding, Prä- und Postnatale Trauma-Aufarbeitung und wie sich letztere vermeiden lassen können.

Frau Bodemer, wie können wir uns Ihre Arbeit vorstellen?

Ich arbeite hauptsächlich ehrenamtlich im Raum Erding. Ich bin im Vorstand des Mütterzentrums Erding und bin aktuell dabei eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Wochenbettdepressionen zu gründen. Auch bin ich hierfür eingetragene Leitung einer solchen Gruppe bei Schatten und Licht.

Meine Trageberatung gibt es seit November 2015, ausführliche Informationen hierzu und Kontaktdaten gibt es hier;
www.kuschelkinder-erding.de
s.bodemer(at)kuschelkinder-erding.de

Ich biete in und um Erding Trageberatungen an und habe ein sehr großes Interesse daran, dass die Situation für die Eltern und Babys in dieser schwierigen Zeit verbessert werden beziehungsweise so behütet wie nur möglich gestaltet werden kann.

Findet man Sie auch auf der Frühchen Station oder sind Sie eher für die Nachsorge zuständig?

Sie finden mich ausschließlich in der Nachsorge. Um auch vermehrt frischgebackenen Müttern, insbesondere Frühchen Müttern helfen zu können, ist es hilfreich für mich wenn diese Möglichkeit der Beratung durch Mundpropaganda, verschiedene Medien und natürlich mit Hilfe der Zusammenarbeit mit Eltern und Klinikpersonal weitergegeben wird.

Warum ist das Tragen für Frühchen so besonders?

Das Tragen von Frühchen erfordert deshalb eine besondere Beachtung, da sie meist beispielsweise an Beatmungsgeräte angeschlossen sind und deren ständige Überwachung der Vitalfunktionen gewährleistet sein muss. Ich arbeite hauptsächlich mit stabilen Frühchen mit einem Gewicht ab ca. 1800gr. Gleichwohl beherrsche ich natürlich auch Bindungstechniken für Kinder mit einem Gewicht unter 1800gr., da ich jedoch zurzeit hauptsächlich in der Nachsorge tätig bin und die meisten Kinder ab >2000gr entlassen werden kommt dies in der Regel nicht vor.

Für die Frühchen bedeutet das im Einzelnen:
Eine Frühgeburt wird viele Wochen zu früh entbunden, d.h., anstatt im Bauch der Mutter adäquate Reize und Bewegungen in allen Ebenen zu haben, liegen sie flach und bewegungslos im Inkubator oder beim Känguruen auf der Brust. Das Tragen im Tuch verschafft ihnen die Möglichkeit dieser Erfahrungen! Die Kinder erfahren eine Enge, wie sie auch in der Gebärmutter gegeben wäre, dies gibt ihnen Sicherheit und Beruhigung. Man könnte auch sagen „die Tragezeit wird verlängert“.

Das enge gebunden-sein ermöglicht Selbstregulation (Beruhigung). Das Kind hat die Möglichkeit (andere) Sinneserfahrungen zu machen = vernetztes Lernen, denn die Propriozeptoren gewährleisten die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des Körpers im Raum. Durch sie gelangen Informationen über Muskelspannung, Muskellänge, Gelenkstellung und Bewegung zum Kleinhirn und zum Cortex wo diese unbewusst verarbeitet werden. Gleichzeitig hört, spürt und riecht das Baby seine Eltern, was wiederum die Entwicklung auf allen Ebenen fördert. Für die Eltern- Kind- Bindung bedeutet das: Dürfen die Eltern mit Kind und Tuch die Station verlassen, sind sie oft länger für ihr Kind da. (in der Klinik) Verbesserung der Kopfform mit langfristigen Auswirkungen auf die Gelenkebenen und damit auf den kompletten knöchernen und muskulären Halteapparat. Bei den frühgeborenen und kranken Kindern ist das Bonding meist unvollständig oder sogar nicht vorhanden. Das Tragen erhöht die Feinfühligkeit der Eltern und fördert das Bonding.
FG sind besonders gefährdet, Misshandlung zu erfahren. Sie weinen mehr als normale Neugeborene und Säuglinge. Sie sind oft nicht so „süß“, haben Behinderungen und entsprechen nicht dem „Kindchenschema“. Durch ein ruhiges und ausgeglichenes Kind im Tuch wird die Belastung der Eltern reduziert.

Für die Eltern bedeutet das:
• Eltern gewinnen Sicherheit im Umgang mit dem Kind –sie werden selbstsicher.
• Eltern werden feinfühliger im Umgang und können die Zeichen des Babys besser deuten.
• Sie fördern aktiv ihr Kind – das gibt ein gutes/stolzes Gefühl.
• Eltern schonen ihre Ressourcen – sie gewinnen zeitlichen und räumlichen Freiraum. Das Tuch macht Kopf, Hände und Kopf frei!
• Unterstützung der Laktation (Steigerung der Milchmenge, Stilldauer)

Quelle: Eva Vogelgesang IBCLC
www.stillraum.com

Gibt es auch Nachteile?

Als großen Nachteil empfinde ich, dass viele Eltern zum Erlernen des Tragens ausschließlich auf Internetvideos zurückgreifen und dadurch leider meist schlecht informiert oder gar nicht informiert Kinder schlichtweg falsch tragen. Das kann durchaus gesundheitliche Schäden des Kindes verursachen.

Wirkliche Nachteile aus dem Tragen von Frühchen ergeben sich laut Eva Vogelgesang (Referentin der Fortbildung für Trageberaterinnen) eigentlich nicht. Im Gegenteil, Hautkontakt wirkt stabilisierend. (Außerdem werden nur Vitalzeichen stabile Kinder aufrecht im Tuch getragen. Durchaus auch mit Monitor.)

Viele Mütter sagen, das Binden eines Tragetuchs überfordert sie. Was würden Sie diesen Müttern empfehlen?

Meine Empfehlung für Mütter: Haben Sie Vertrauen in Ihre Fähigkeiten und Ihren Mutter- bzw. Vaterinstinkt! Man kann ein Kind (aus meiner eigenen persönlichen Erfahrung heraus) nicht zu straff oder gar zu eng binden. Sie sollten auf Ihr Bauchgefühl vertrauen und sich zum Erlernen der richtigen Technik an eine professionelle Trageberaterin wenden.

Wie verhält es sich beispielsweise bei einem Tracheostoma? Können auch tracheotomierte Kinder getragen werden? Was ist mit Kindern, die einen Monitor oder eine PEG haben?

Generell sind Tracheostoma, PEG und Monitor kein Hindernis beim Tragen im Tuch. Hier muss laut Eva Vogelgesang, in der Klinik und Zuhause, je nach Vermögen der Eltern, Kind und Situation individuell entschieden werden. Wahrscheinlich müssen mehrere Bindeweisen ausprobiert werden, um die für das Eltern- Kind- Paar geeignetste zu finden. Tracheostoma können mit Mullwindel abgepolstert werden um Druck auf die Eintrittstelle/das Stoma zu vermeiden. Beim Tragen mit Monitor ist lediglich zu beachten, alle Kabel und Schläuche von OBEN in das Tuch zu führen, sodass man im Notfall schnell an das Kind kommt. Bei all diesen besonderen Situationen hat Sie gute Klinikerfahrungen gemacht.

Frau Bodemer, wir wünschen Ihnen und auch Frau Vogelgesang alles Gute und bedanken uns herzlich für das Gespräch.

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