Ängste und Zahnarztangst bei Frühchen

Ängste und Zahnarztangst bei Frühchen

Die Zahnbehandlungsphobie, auch bekannt als Oralphobie oder Dentalphobie, zählt zu den sogenannten spezifischen Ängsten. In einer norwegischen Studie aus dem Jahr 2002 wurden bei 33 % aller untersuchten Zahnarztpatienten die Kriterien für eine Dentalphobie festgestellt. Da die Studie jedoch lediglich an 70 Patienten durchgeführt wurde und dies dazu direkt hintereinander, besitzt sie hochgerechnet keine Beweiskraft. Da es aktuell keine Langzeitstudie zur Zahnbehandlungsphobie gibt, können daher nur Schätzungen abgegeben werden. In den westlichen Industrieländern liegt die Häufigkeit der tiefgehenden Angst vor dem Zahnarzt bei 5 bis 10 % der Bevölkerung. Das ist schon eine beeindruckende Zahl. Allein in Deutschland sind damit zwischen 4 und 8 Millionen Menschen davon betroffen.

Baby im Brutkasten

Frühgeborene sind besonders häufig betroffen

Bei Frühchen, welche vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Dentalphobie noch einmal erheblich an. Allerdings zeigen die bisherigen Untersuchungen zu diesem Thema, das Frühchen eher als später Geborene ein etwas größeres Paket an Ängsten oder Phobien mit auf ihren späteren Lebensweg bekommen. Die Zahnarztangst ist hierbei nur ein Problemfeld neben anderen, dem Zahnmediziner unter anderem mit dem Einsatz spezieller Dentalinstrumente begegnen.

Die Ursache dieser Ängste und im Besonderen der Angst vor dem Zahnarzt liegt aller Wahrscheinlichkeit nach in der Ausbildung des Immunsystems, welches mit jeder fehlenden Schwangerschaftswoche einen geringeren Umfang aufweist. Als sehr kritisch werden hierbei Frühgeburten betrachtet, die vor der 28. Schwangerschaftswoche erfolgen. Bei allen Fortschritten in der Neonatologie – im Jahr 2011 wurde ein Kind in der 21. Schwangerschaftswoche mit 460 g Gewicht auf die Welt gebracht – sind die Spätfolgen einer Frühgeburt nicht abzusehen.

Die bisherigen Untersuchungen zu den Spätfolgen einer Frühgeburt zeigen jedoch, dass der Brutkasten in der Klinik den Mutterleib nur teilweise ersetzen kann. Was während einer Schwangerschaft im Einzelnen vor sich geht und welche Stoffe, Reize und Signale im Detail von der Mutter an das ungeborene Kind übergeben werden, ist so komplex, das hier nur bruchstückhafte Kenntnisse darüber bestehen. Die fehlerhafte Ausbildung des Immunsystems ist sicherlich nur ein Aspekt, der jedoch auf das soziale Leben der betreffenden Person erhebliche Auswirkungen hat.

Das Zusammenspiel von Körper und Geist

Warum gerade Frühgeborene in ihrem späteren Leben vermehrt mit Ängsten zu kämpfen haben, hängt vermutlich direkt mit dem Immunsystem zusammen, das zur vollständigen Entwicklung besonders die letzten Wochen einer regulären Schwangerschaft benötigt. Erst in diesem Zeitraum werden mütterliche Antikörper über die Plazenta aufgenommen, wobei selbst nach einer Geburt einer neunmonatigen Schwangerschaft das Kind selbst noch nicht in der Lage ist, Krankheitserreger zu bekämpfen. Das Immunsystem benötigt noch einmal mehrere Monate, um sich vollständig auszubilden. In dieser Phase wird das Kleinkind durch Immunglobulin A unterstützt, ein Antikörper, der hauptsächlich über die Muttermilch an das Kind weitergegeben wird. Genau hier zeigen sich in Bezug auf den Brutkasten für Frühgeburten entsprechende Defizite, zum einen aufgrund der fehlenden Bildung von Antikörpern und dem fehlenden Stillen mit Muttermilch. Die Medizin kann die gravierenden Auswirkungen dieser Engpassversorgung mit entsprechenden Ersatzmitteln meist überbrücken, ob diese jedoch in jedem Fall ausreichend sind, zeigt sich erst im Verlauf des weiteren Lebens.

Baby schläftAngst ist im Normalfall ein Schutzmechanismus der Psyche, um den Menschen vor Gefahren zu bewahren, die ihn oder sie körperlich oder geistig bedrohen. Hierbei bestehen aufgrund der Verflechtung von Psyche und Körper fließende Übergänge, welche die Wahrnehmung von Angstgefühlen in unterschiedlichen Ausprägungen zeigen. Wie stark Körper und Geist gerade in Bezug auf die Gefahrenabwehr miteinander verbunden sind, zeigen verschiedene Experimente, die unter Hypnose durchgeführt wurden und in denen den Probanden während der Hypnosesitzung eine Verletzung der Haut, etwa eine Verbrennung, suggeriert wurde. Tatsächlich zeigten sich bei einigen der hypnotisierten Personen an der Haut entsprechende Irritationen wie Hautrötungen, ohne dass dafür ein mechanischer Einfluss verantwortlich war.
So wie die Psyche unter der Beeinflussung der Hypnose dem Körper Signale senden kann, auf eine vermeintliche Bedrohung zu reagieren, so kann umgekehrt auch ein schlecht ausgebildetes Immunsystem der Psyche eine Bedrohung melden, die nicht tatsächlich vorhanden ist. Das ist jedoch nur eine der Möglichkeiten, wie es zu Angststörungen kommt.

Abwehrmechanismus Schmerzempfinden

Dass bei zu früh geborenen Personen aufgrund der mangelhaften Immunisierung dementsprechende Ängste auftreten und diese sich zur Phobie ausweiten können, bezieht sich gerade in modernen Gesellschaften in verstärktem Maße auf den Mund oder den Oralbereich. Denn dieser Bereich ist ein besonders empfindlicher Körperbereich, welcher dem Zahnarzt bei einer Behandlung ausgeliefert wird und dies geschieht im Verhältnis zu anderen Körperpartien relativ häufig. Das gesteigerte Schmerzempfinden als Abwehrmechanismus bei einem hohen Prozentsatz der Frühchen ist hierbei ein Teil der Überlebensstrategie, mit dem versucht wird, Defizite auszugleichen. Nur durch entsprechend frühzeitig einsetzende neurologische und psychologische Untersuchungen und eventuell daraus resultierende Therapien können Phobien wie die Zahnarztangst überwunden werden.

Bildmaterial:

© Lina (U.S. Fotografie/ Flickr, CC BY-ND 2.0)
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